Denkt man an die Mongolei, so haben viele Menschen weite Steppenlandschaften vor ihrem inneren Auge. In keinem Land auf der
Welt, hat ein einzelner Mensch so viel Platz und Raum wie in der Mongolei. In diesem Land, das etwa viereinhalbmal so groß ist wie Deutschland, leben nur etwa 3 Millionen Menschen. Einen Quadratkilometer teilen sich im Durchschnitt weniger als zwei Einwohner.
In Deutschland dagegen sind es 230 Menschen, mehr als hundertmal so viele. Bedenkt man, dass ca. 60 Prozent der mongolischen
Einwohner in Städten lebt, so muss die Bevölkerungsdichte für die weiten ländlichen Regionen noch sehr viel geringer eingestuft
werden. Der Mensch ist hier eine Minderheit. Bei einer Reise durch das Land wird einem das sehr bewusst, die Weite der Landschaft
ist auch dadurch besonders spürbar.


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Mit über 40 Millionen Herdentieren beträgt ihre Anzahl deutlich mehr als das Zehnfache der Menschen. Viehwirtschaft bildet die Lebensgrundlage der Nomaden. Ihre Mischherden bestehen aus Schafen, Ziegen, Pferden und Kühen oder Yaks, der in Zentralasien verbreiteten Rinderart.
Im Süden der Mongolei gehören auch Kamele dazu.
Dürreperioden und kalte Winter, denen Nomaden immer wieder ausgeliefert sind, bedrohen den Bestand ihrer Herde und damit ihre Existenz. Obwohl die Mongolei eine riesige Fläche Weideland bietet, sind manche Regionen überweidet, während andere, abgelegene Gebiete kaum genutzt werden. Um lange Transportwege zu vermeiden, wählen die Viehhalter in erster Linie Gegenden in der Nähe von wichtigen Absatzmärkten. Hinzu kommt, dass die Herden immer größer werden. Allein zwischen 2012 und 2013 wurde eine Steigerung des Viehbestandes von 10 Prozent gemessen. Wie lange die Tierhaltung noch auf diese Weise fortbestehen kann, ist fraglich. Überweidung stellt eine äußerst ernstzunehmende Gefährdung für das Land und seine Bewohner dar. Seit der Wende ist der Fleischexport stark eingebrochen. Ihre wirtschaftliche Existenz aufrechtzuerhalten, ist für Viehzüchter immer schwieriger geworden.




Nomaden sind nicht nur Wind und Wetter unvermittelt ausgesetzt, sondern auch lang anhaltenden Kälte- und Dürreperioden. Kennzeichnend für die Mongolei ist ein extrem kontinentales Klima. Durch die große Entfernung von den Küsten der Weltmeere
und die hohen Gebirgszüge, die den Zustrom feuchter maritimer Luftmassen verhindern, bleibt das Klima sehr trocken. Zugleich
ist es von extremen Temperaturschwankungen geprägt. Frühling, Sommer und Herbst fallen kurz aus. Die Frühjahrsstürme gehen
im Sommer in leichte Winde über. Die höchsten Temperaturen erreicht der Monat Juli. 35° C und mehr sind keine Seltenheit. Mit
250 Sonnentagen zählt die Mongolei recht viele. Doch gerade die Sommermonate sind die niederschlagsreichsten in diesem Land.
Der Winter ist lang, wolkenlos und bitterkalt. Im Januar befindet sich die Quecksilbersäule durchschnittlich unter -15° C. Das Klima
des Landes stellt die dort lebenden Menschen immer wieder auf eine harte Probe. Doch Mongolen jammern nicht. Die Natur wird so angenommen wie sie ist. Nie haben wir einen erkälteten Nomaden erlebt oder gar einen, der sich über die klirrende Kälte beklagt.
Ob sie ein anderes  Kälteempfinden als wir besitzen oder durch jahrhundertelange Erfahrung besser mit ihr umzugehen wissen,
muss unbeantwortet bleiben. Durch die Höhenlage ist die Sonneneinstrahlung das ganze Jahr über sehr intensiv. Ein für mongolische Nomaden sehr charakteristisches Merkmal sind wettergegerbte Gesichter. Bereits bei kleinen Kindern und Babys sind Anzeichen
davon wahrzunehmen.



Verbindet man mit der Mongolei in erster Linie urwüchsige Steppe, so ist das sicherlich kein falsches Bild. Doch die Mongolei bietet
eine große Vielfalt völlig unterschiedlicher Landstriche. Während der Norden von Taiga und Waldsteppe geprägt ist, in denen auch zahlreiche Seen zu finden sind, erstreckt sich im Süden die Wüste Gobi. Die Mongolei ist ein Hochland, durch das sich zahlreiche Gebirgszüge ziehen. Einige von ihnen erreichen eine Höhe von 4000 Metern – so gehören auch schneebedeckte Gipfel zum Bild der Mongolei. Die durchschnittliche Höhe des Landes beträgt 1580 Meter.

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Die im Norden, an der Grenze zu Russland, lebenden
Nomaden haben sich die hier reichhaltig vorzufindenden
Wälder zunutze gemacht und sich Holzhütten als
Heimatstätte gebaut. Meist besitzen sie ein Sommer-
und ein Winterlager. Die Wanderbewegung beschränkt sich
hier mittlerweile von den ursprünglich und in anderen
Landesteilen noch üblichen vier- bis fünfmal im Jahr auf
zwei Umzüge. Dass hier bereits ein gewisser Grad an
Sesshaftigkeit besiegelt ist, erkennt man auch daran, dass
für manche Weiden Holzzäune errichtet wurden – ein für
die Mongolei sonst sehr ungewöhnliches Bild. Stets wird
ein recht großzügig bemessener Mindestabstand zwischen
den einzelnen Niederlassungen eingehalten.
Befinden sich mehrere solcher Hütten nahe beieinander,
so ist davon auszugehen, dass ein Familien- oder
Verwandtschaftsverhältnis besteht.


Der Tagesablauf einer Nomadenfamilie wird durch das Melken der Herdentiere bestimmt, das frühmorgens beginnt und bei
Pferdestuten bis zu fünfmal am Tag vorgenommen wird. Neben Fleisch sind Milchprodukte die wichtigste Nahrungsgrundlage.
Im Laufe des Tages wird die Milch zu Butter und Joghurt oder getrocknetem Quark verarbeitet. Dieser wird zunächst in
einem dichten Beutel im Freien aufgehängt. Die noch überschüssige Flüssigkeit tropft unten ab. Danach schneidet man ihn
in Scheiben oder füllt ihn in dafür vorgesehene verzierte Holzformen. Für einige Zeit wird er nochmals draußen in der Sonne
gelagert, um ihn zu trocknen und dadurch lang haltbar zu machen. Er schmeckt sehr säuerlich und ist für den Europäer
anfangs kaum zu ertragen. Nach einer gewissen Zeit setzt Gewöhnung ein. Der Quark jeder Familie hat je nach Qualität
der Milch, der Sonneneinstrahlung und dem Reifungsgrad des Quarks andere Geschmacksnuancen. Nomaden trinken
fast ausschließlich Milchtee, dem etwas Salz zugeführt wird. Airag – vergorene Stutenmilch – ist ein verbreitetes Getränk für zwischendurch. Bei Verwandtschaftsbesuchen kann bereits vormittags die Milchschnapsflasche geöffnet werden. Gemüse
anzubauen gelingt klimabedingt nur in vereinzelten Regionen. Manche Mongolen betreiben als Nebenerwerb Jagd oder
Handarbeit wie Gerberei. Ist man für eine Zeitlang bei Nomaden zu Gast, so wird einem schnell bewusst, dass ihr Leben
nach wie vor in hohem Maß davon geprägt ist, das Überleben zu gewährleisten und zu sichern. Mit der Versorgung der
Tiere und der Verarbeitung ihrer Produkte ist der Tag einer Nomadenfamilie bereits gut gefüllt.




Der Altersdurchschnitt der Mongolen ist mit circa 25 Jahren vergleichsweise niedrig. Dieser Umstand kann zum einen auf eine nicht
sehr hohe Lebenserwartung zurückgeführt werden, zum anderen auf eine recht hohe Kinderzahl. Einige Nomadenkinder, für die die Entfernung zur nächsten Schule zu weit ist oder die noch nicht mit ihren älteren Geschwistern Mofa fahren können, wohnen im Internat, nur am Wochenende können sie bei ihren Eltern sein. Nomadenkinder wechseln durch diese Wochen- und Lebensteilung zwischen
zwei völlig verschiedenen Welten. Doch um ihnen eine Chance für die Zukunft zu bieten, ist dieses Leben, was sie frühzeitig zur Selbstständigkeit erzieht und ihnen schnelles Erwachsenwerden abverlangt, wohl unabdingbar.



Fragt man Nomaden, wo ihre Kinder zur Welt gebracht wurden, so deuten sie in die Ferne. Unser Fahrer kennt den Begriff Krankenhaus. Allgemein scheint die Infrastruktur deutlich besser ausgebaut zu sein als der unwissende Europäer auf den ersten Blick meint. Auch
zum Handel oder dem Erwerb anderer, nicht selbst herzustellender Güter begeben sich Nomaden in regelmäßigen Abständen ins Aimagzentrum. Von einem Leben in totaler Abgeschiedenheit, ohne Kontakte zur Außenwelt, kann wohl in den seltensten Fällen die
Rede sein.




Die Trennung des Landes in eine bewaldete Region im Norden und trockene Landesteile im Süden ist durch den Verlauf einer Wasserscheide bedingt. Im Seengebiet im Nordwesten befindet sich der Uvs Nuur, mit einer Fläche von 3350 km² der größte See des Landes und im Gegensatz zum zweitgrößten Khuvsgul-Nuur ein Salzsee. Obwohl die Mongolei eine fast unermessliche Anzahl an Gewässern bietet – 4000 Flüsse und 3500 Seen – sind zwei Drittel des Landes durch große Trockenheit geprägt. Manche Seen trocknen aus, einziges Überbleibsel ist eine oft mit Salzkruste überzogene Senke. Nicht selten stößt man auch auf ausgetrocknete Flussbetten. Das Leben im Süden des Landes, besonders das an der Grenze zur Wüste Gobi oder sogar darin, scheint ungleich schwieriger als das im Norden, denn die Region ist deutlich unwirtlicher. Als Tourist mit Campingplänen ist unbedingt für einen reichhaltigen Wasservorrat zu sorgen. Der Begriff Gobi muss differenziert werden. Hiermit wird oft das gesamte südliche Gebiet bezeichnet. Als Wüste im eigentlichen Sinne gilt allerdings nur ein kleiner Teil an der Grenze zu China.





Das Leben auf engstem Raum in einer Jurte scheint im direkten Kontrast zur schier endlosen Weite im Freien zu stehen. Doch
womöglich ist es gerade diese Unbegrenztheit draußen, die ein Bedürfnis nach Nähe und engem Zusammenhalt erzeugt. Das Zusammenleben einer ganzen Familie in einem einzigen recht eng bemessenen Raum ist demnach vielleicht gar kein bewusster – den Umständen geschuldeter – Verzicht. Der bei Städtern stark ausgeprägte Wunsch nach Privatsphäre entsteht hier möglicherweise gar nicht in der Form. Ein Mensch, der die meiste Zeit des Tages in grenzenloser Weite verbringt, sehnt sich wohl nicht nach großen Räumlichkeiten. Nomaden untereinander begegnen sich stets wie alte Bekannte. Jeder Mensch, den man in der Verlassenheit trifft, scheint direkt zu einem eng Vertrauten zu werden. Kurzer Hand wird einem die zweite Jurte als Übernachtungsmöglichkeit angeboten. Der mongolische Fahrer nächtigt bei den Mongolen in der Familienjurte.



Mongolen sprechen ihren Bergen eine große Macht zu. Als Verbindung zwischen Erde und Himmel, wird hier oftmals die Asche der Verstorbenen verstreut. Oft sieht man hier sogenannte Ovoos, eine große, markante Anhäufung von Steinen, manchmal in Verbindung von Zweigen. Damit die Kraft des Berges einem wohlgesinnt bleibt und um von der lokalen Gottheit Segen für die weitere Reise zu erbitten, wird dieser dreimal im Lauf der Sonne umkreist und Gaben wie Münzen, Bonbons und Steine abgelegt. Mongolen stoßen
nicht zusammen an, sie trinken stets aus demselben Becher. Zunächst erhebt der Gastgeber diesen und schnipst drei Tropfen des Milchschnapses in die Luft. Erst dann wird der Becher herumgereicht. Stets sollte er mit der rechten Hand angenommen werden. Hat
man einen Schluck genommen, so wird das Gefäß wieder dem Hausherren überreicht, der dieses dann wiederum weitergibt.
Ein ähnlich ausführlich zelebriertes Ritual ist der Austausch der Schnupftabakflaschen zwischen Gastgeber und Gast, doch nicht um diese zu behalten. Der Austausch dient lediglich dazu, den Geruch des jeweils fremden Tabaks kennenzulernen, indem man an der Flasche riecht. Verlässt ein Nomade seine eigene Familie oder die, bei der er zu Gast war, so wird ihm mit mehreren Schopflöffeln Milchtee, die die Frau der Jurte auf sein Transportmittel und die angestrebte Richtung gegossen wird, eine gute Reise und der dafür nötige Segen gewünscht.