Die Mongolei liegt im Herzen von Asien.
Zwischen dem 42. und 51. Breitengrad gelegen, befindet sie sich auf der gleichen Höhe wie Mitteleuropa. Die Fläche des
Landes beträgt in etwa das Viereinhalbfache von Deutschland, während Deutschland circa 27mal so viel Einwohner zählt wie
die Mongolei mit ungefähr 3,2 Millionen. Wie ungewohnt gering die Bevölkerungsdichte des Landes ist, kann einem durch
diesen Vergleich ansatzweise bewusst werden. Reist man durch das zum Teil fast menschenleer wirkende Land, so stößt
man aber auch in den entlegenen und unwirtlichen Gebieten immer wieder ganz unerwartet auf Nomaden. Ob tatsächlich
fast alle dieser im Freien und unabhängig lebenden Menschen gezählt wurden, erscheint dem Reisenden fraglich.


Über ein Drittel der Menschen haben sich für ein Leben in der Hauptstadt, in Ulan Bator, entschieden. Seit 1990 ist die
Einwohnerzahl der Stadt um 50 Prozent gestiegen. Ulan Bator ist die kälteste Hauptstadt der Welt, im lang andauernden
Winter sinkt das Thermometer oftmals auf unter -20 Grad.

Den Europäer mag es verwundern, dass sich die Wirtschaftsleistung dieses Landes in nur vier Jahren verdoppelt hat – ein fast
rekordverdächtiger Anstieg. Dies geht in erster Linie auf den stark wachsenden Dienstleistungssektor zurück, der mittlerweile mehr als
die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht. Das 2011 auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin gesteckte Ziel, für
2015 mit einer Millionen Touristen pro Jahr deren Anzahl zu verdoppeln, erscheint heute nicht mehr weit entfernt. Die Bedeutung des
Tourismus ist zum einen durch die Vielzahl der Angebote direkt wahrnehmbar als auch an der großen Anzahl der Reisenden, die man
dort trifft. Große Gewinne können mittlerweile auch im Bergbau erzielt werden. Durch den Anstieg der Weltmarktpreise für Kupfer und
Gold wird dieser immer attraktiver. Von der in einzelnen Bereichen florierenden Wirtschaft profitieren allerdings nur einige wenige. Für die meisten Mongolen hat sich wenig verändert. Der Anteil der im Bergbau, in der Industrie oder Bauwirtschaft Beschäftigten beträgt nur etwa 11,5 Prozent. Über ein Drittel dagegen lebt nach wie vor von der Landwirtschaft. Noch immer lebt jede/r Dritte unter der Armutsgrenze.

„Urga“ wurde die Hauptstadt der Mongolei früher genannt. Der Name geht auf den Begriff „uguu“ zurück, der mit „Palastjurte“
übersetzt werden könnte. Lange Zeit war die Siedlung eine Nomadenstadt, deren Standort sich immer wieder verschob.
Erst seit 1778 befindet sie sich am heutigen Ort. 1924, nach dem Tod des letzten religiösen Führers der Mongolei, wurde
die Stadt in Ulan Bator umbenannt. In den 30er Jahren begannen die Bauarbeiten von Steingebäuden. Naturgemäß
hatten die Mongolen zu dieser Zeit keinerlei Bauerfahrung, diese war nie benötigt worden. Der Großteil der Stadt wurde
von japanischen Kriegsgefangenen unter der Regie von chinesischen Ingenieuren aufgebaut. Regierungsgebäude,
Opern- und Theatergebäude wurden errichtet. Dass dem kulturellen Leben einem hohen Stellenwert zugesprochen
wurde, sieht man an den fast überdimensional erscheinenden Opern- und Theaterhäusern. Diese Gebäude, die heute das
Stadtbild prägen, sind nur etwa 70 Jahre alt. Nur das Kloster weist eine längere Geschichte auf. Das heutige Stadtbild
wirkt daher sehr modern. Für den Europäer, der eher Stadtkerne gewöhnt ist, deren Ursprung noch das Mittelalter erahnen
lassen, mag das befremdend wirken. In den 60er Jahren entstanden Fabriken und Kohlekraftwerke in Ulan Bator. Diese
zogen wiederum mehr Menschen vom Land an, die sich in der Stadt ein besseres Leben erhofften. Für die stark steigende
Einwohneranzahl wurden wenig später die ersten Plattenbauten geplant und umgesetzt. Nach der Wende kam die
Bautätigkeit erst einmal zum Erliegen. Noch heute sieht man in der Stadt zahlreiche nicht fertiggestellte Sowjetbauten.
Der Abriss scheint zu teuer bzw. nicht lukrativ und so werden sie voraussichtlich noch lange das Bild Ulan Bators prägen.
Ende der 90er Jahre florierte Ulan Bator, Geschäftsleute eröffneten eigene Läden, wodurch die Großstadt einen
individuellen Charakter erhielt. Es entstand ein Straßenleben.

Fragt man den Mongolen, wo sie ein bestimmtes Utensil oder ein Kleidungsstück erworben haben, so erhält man oft die
Antwort „Schwarzmarkt“. Dieser hat nichts mit illegalem Markt zu tun, der Begriff ist nur ein Überbleibsel aus der
sozialistischen Zeit, als hier „schwarze“ Ware gehandelt wurde. Schwarzmärkte gibt es in fast allen Städten der Mongolei.
Der größte ist mit  Abstand der Naran-Tuul-Markt im Osten von Ulanbator. Die Fläche selbst ist Besitz von Saikhansambuu,
der die einzelnen Parzellen an die Verkäufer weiter vermietet. Ein Teil ist überdacht. Man sieht aber auch Verkaufscontainer
oder Marktstände. Jeden Tag werden die Stände mit den gesamten Waren auf- und abgebaut. Ein Spaziergang auf dem
Schwarzmarkt bietet einen angemessenen Einblick in Formen des Frühkapitalismus. Mongolen erledigen auch in der
heutigen Zeit nur einen sehr geringen Anteil ihrer Einkäufe in Kaufhäusern oder zumindest kleinen Supermärkten. Dass
nach wie vor Märkte bevorzugt werden, mag aufzeigen, wie tief verwurzelt das Nomadendasein auch noch bei den
heutigen Städtern ist. 2013 ist ein Teil des Marktes mitsamt den Ständen abgebrannt. Nun ist dort der Bau eines
Apartment-Komplexes in Planung. Wie sich dann der in seiner Umgebung veränderte und auch stark verkleinerte Markt
entwickelt, wird sich zeigen; auch, ob sich das Kaufverhalten auf lange Sicht mehr in feststehende Gebäude verlagern wird.

Durch den wirtschaftlichen Wandel hat sich das Leben in der Mongolei geändert. Harte Winter zerstörten in den vergangenen Jahren große Herden und damit die Lebensgrundlage der Nomaden. Jeder Mongole hat Anspruch auf eine kleine Parzelle in der Jurtensiedlung, die etwas außerhalb der Stadt gelegen ist. Das zugeteilte Landstück wird umzäunt und der neue Inhaber platziert seine Jurte darauf. Hat die Familie genügend erwirtschaftet, so ersetzt sie die Jurte durch ein kleines selbst gebautes Haus. Ein Schritt, der einmal mehr den Übergang vom Nomadentum in ein „sesshaftes“ Leben markiert. Doch dieser Übergang ist für viele Menschen nicht zu bewerkstelligen und so leben einige nach wie vor in Jurten, die einen sicheren Schutz vor Wind und Wetter bieten. Mehr als die Hälfte der Einwohner
Ulan Bators lebt in Jurtenvierteln. Der Platz ist eng bemessen. Der Lebensstandard ist gering, es gibt kein fließendes Wasser und keine Anbindung ans Stromnetz. Da die Straßen meist nur aus einer Lehmschicht bestehen, bietet das Viertel bei Regen ein tristes Bild. Für Ulan Bator stellen die Jurtenviertel auch insofern eine große Herausforderung dar, als sich im Winter, wenn in den Jurten die Kohleöfen angeworfen werden, der Himmel richtig vernebelt. Als Heizmaterial dienen neben Kohle sowohl Gummi und Plastik als auch in Teer getauchte Ziegel, was einen gesundheitsgefährdenden Smog über der ganzen Stadt erzeugt. Wie viele der nun hier ansässigen Mongolen ihre Entscheidung, das Land zu verlassen, auch jetzt, da sie das Leben in der Stadt kennen, noch für die richtige halten,
bleibt ungewiss. Für den Touristen, der nach einer Reise durch das Land diese Siedlung betritt, bilden die vielen sehr eng nebeneinander aufgestellten Jurten einen harten Kontrast zu den Jurten auf dem Land, die sich stets in schier endlos wirkender Weite befinden.

Der Glaube oder die Religion der Mongolen ist schwer fassbar. Zwar glaubte man wohl an in der Natur wirkende Geister, die von Schamanen beschworen werden konnten, doch eine festgelegte Religion mit klar definierten Glaubenssätzen existierte in der Mongolei nicht.  Mit keiner der großen Weltreligionen verbunden, pflegten die Mongolen lange Zeit ausschließlich den Schamanismus. Im 16. Jahrhundert wurde unter anderem mit dem Bau des Klosters Erdene Zuu in Karakorum der Buddhismus in der Mongolei etabliert. Geschickt integrierte man die bereits herrschenden religiösen bzw. spirituellen Bräuche und Glaubensvorstellungen in die buddhistische Religionspraxis, um den Mongolen nicht das Gefühl zu vermitteln, ihre althergebrachte Tradition zu verlieren, was tatsächlich in großen Teilen dennoch geschah. Es entstanden immer mehr buddhistische Klöster, zu deren Blütezeit waren es 700. Die Zahl der Lama (buddhistische Priester) stieg auf über vierzig Prozent der männlichen Bevölkerung. Einige von ihnen lebten allerdings auch zuhause mit ihren Frauen und Kindern. Im Herbst 1937 begann unter Stalin mit der Stationierung sowjetischer Truppen in der Mongolei eine Terrorwelle nie geahnten Ausmaßes. Fast alle Klöster wurden geschlossen und zerstört, die Insassen oftmals ermordet. Man geht heute von nicht weniger als 30.000 Getöteten aus. Wertvolles Kulturgut wurde vernichtet. Dies bedeutet noch heute eine tiefe Wunde in der kulturellen Identität der Mongolen. Erst seit der Wende wird die Religion wieder praktiziert. 140 Klöster sind bis heute rekonstruiert,
25.000 Mönche sind dort tätig. Einige Klöster wie das in Ulan Bator dienen nun auch als Touristenattraktion. Doch durch Zerstörung und Raub Verlorenes bleibt verloren.

Nomaden heiraten naturgemäß recht früh, um bald eine eigene kinderreiche Familie zu gründen. Zu Gast bei Nomaden fällt einem die Offenheit der Kinder, aber auch deren frühe Selbstständigkeit auf. Ohne von den Eltern darauf hingewiesen zu werden, bieten sie Essen und Milchtee an. Nach wie vor wird der Frau als Mutter eine besonders geachtete Stellung zugesprochen. Während sich die Männer um Handel und Vieh kümmerten, waren die Frauen von jeher für das Innenleben der Jurte und die Erziehung der Kinder zuständig. Diese Rollenverteilung lässt sich auf dem Land immer noch beobachten, obwohl man sehr oft auch Frauen bei den Herden sieht, besonders wenn es um das Melken der Pferde, Schafe oder Yaks geht.
In der Stadt hat sich das Leben der Frau stark verändert. Wissenschaftler wie die US-Forscherin Linda Benson beschreiben dieses Phänomen in der Mongolei sogar als „umgedrehte Kluft zwischen den Geschlechtern“. Denn der Bildungsgrad der Frauen ist oftmals deutlich höher als der der Männer; dementsprechend gelingt einer weitaus größeren Zahl eine berufliche Karriere. Frauen dominieren die Universitäten. Der hohe Bildungsstatus der Frauen geht in gewissen Teilen noch auf die Zeit des Kommunismus zurück, in der die Frauen stark in das öffentliche und politische Leben involviert, die Männer dagegen in erster Linie zu tatkräftigen Arbeitern ausgebildet wurden. Doch dass die Stellung der Frau in der Mongolei heute vergleichsweise höher als im Westen ist, mag auch daran liegen, dass sie von jeher – eben auch als Hüterin der Jurte und Mutter – sehr geachtet war.

Bedenkt man, dass in einer Jurte kein Platz für Bücher ist, so erstaunt einen doch der außergewöhnlich hohe Alphabetisierungsgrad der Mongolen. Mit 97,8 Prozent belegen sie im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz. Im Gegensatz zu uns, wo Kinder in der Schule das ABC, lesen und rechnen lernen, muss ein Kind in der Mongolei diese Fertigkeiten bereits vorweisen, um in die Schule gehen zu dürfen, anderenfalls wird es abgelehnt. Welch hohe Bedeutung nach wie vor Musik und Dichtung als Kulturgut beigemessen wird, sieht man auch daran, dass von einem zukünftigen Schulkind die Kenntnis vieler Lieder und Gedichte erwartet wird. Wie in Westeuropa beginnt die Schulpflicht mit etwa sieben Jahren, sie dauert acht Jahre an. Mit fast 180 Hochschulen weist die Mongolei im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ein recht dichtes Hochschulnetz auf, allerdings sind nur 48 von ihnen in öffentlicher Hand. In den privaten Einrichtungen sind die Bildungsangebote eine Frage des Wohlstandes der zugehörigen Eltern. Etwa 130.000 Studierende zählt die Mongolei. Die renommierteste Universität ist die in Ulan Bator.

Betrachtet man die Wohn- und Lebenssituation in Ulan Bator, so ergibt sich ein sehr heterogenes Bild. Unter anderem der
Rohstoffboom hat in den vergangenen zehn Jahren etwa eine halbe Million Menschen in die einzige große Stadt des Landes
gezogen. Viele von ihnen leben in Jurten oder Wellblechhütten, andere dagegen, haben einen solchen Wohlstand erreicht,
dass sie in Luxusvillen leben. Flächendeckend prägen Baukräne das Stadtbild. Das Jahr 2011 kann man wohl als Jahr des
Bauwahns bezeichnen. Bauwahn statt Bauboom, weil es insgesamt weder geplant noch durchdacht erscheint. An allen
Ecken und Enden werden neue Gebäude errichtet, Wohnhochhäuser, Bürotürme und Einkaufszentren. Auf bisher
unbebauten Arealen, wie etwa südlich des Stadtzentrums entstehen neue Wohnanlagen, die hohen Komfort, Tiefgaragen
und Grünanlagen bieten. Der stark ausgeprägte Wille, sich von der ärmeren Schicht abzuheben und bewusst abzugrenzen,
wird zum Teil auch an den hoch errichteten Mauern um diese Wohnkomplexe sichtbar. Inhaber solcher Apartments sind
wohlhabende Mongolen, Ausländer aus den Industriestaaten und eine nicht unbedeutende Zahl Chinesen.